Ausstellungspavillon Nietzschmann-Wommer

Paul Möbius (Quelle Wikipedia)
Architekt Paul Möbius bei Händel & Franke

Für die Sächsisch – Thüringische Industrie- und Gewerbeausstellung (24.04. bis 19.10.1897) errichtete der Architekt Paul Möbius (Mitarbeiter des Architekturbüros Händel & Franke) auf dem Gelände des heutigen Clara-Zetkin-Parks einen Ausstellungspavillon für den Fleischermeister Gustav Nietzschmann (damals ansässig in der Kolonnadenstr.) und den Maschinenfabrikanten Wilhelm Wommer (damals ansässig am Schlachthof – heute MDR) in Leipzig.

Der relativ zentral gelegene Privatbau wurde von der Fachwelt bewundert und machte Möbius auf einen Schlag bekannt. Der Architekt Fritz Schumacher beschrieb 1898 ausführlich in Dekorative Kunst / illustrierte Zeitschrift für angewandte Kunst das Bauwerk im Detail.

Der Ausstellungspavillon Nietzschmann-Wommer wurde als vom Hergebrachten stark abweichend mit gewagt humoristisch-phantastischen Motiven, die einen gewissen Schwung entwickeln, im Dresdener Brief von Bodo Wildberg beschrieben. [ M.G. Conrad (1885-1900); Arthur Seidl (1901-02): [ ”Die Gesellschaft, Band 16, Teil 2”- E. Pierson, 1901 – S.246] ]

Ausstellungspavillon Nietzschmann-Wommer
“Wurstpavillon” Nietzschmann-Wommer und Standort auf dem Ausstellungsgelände

In diesem Zusammenhang ist der Begriff ‘Jugendstil’ im Jahre 1897 das erste Mal aufgekommen. [ Georg Hirth: [”Wege zur Freiheit” S.525] – Verlag der Müncher Jugend, 1903. Jugendstil ]

Ursprung der Begrifflichkeit Jugendstil in der Architektur
Ursprung der Begrifflichkeit Jugendstil in der Architektur

Der Pavillon bestand aus einer Haupthalle mit zwei Seitenflügeln. Spannende Details des Bauwerks waren Würste auf den Gabel-Spitzen der Seitendächer, die beiden Säulen der vorgelagerten Eingangshalle – Fleischergesellen mit Ballonmütze und Schürze – und das auf einem Pfeiler über allem ragende Schwein mit Lorbeerkranz umgarnt von Frauen in wehenden Kleidern – der Tanz der Menschheit um das goldene Schwein. Fußboden und Wandfliesen im Inneren wurden von der noch heute existierenden Firma Villeroy & Boch nach einem Entwurf des Keramikers Jakob Julius Scharvogel eingerichtet. [ Stefan W. Krieg, Bodo Pientka “Paul Möbius – Jugendstil Leipzig” ]

Der Bau erregte große Aufmerksamkeit. Zum Festakt der Ausstellungseröffnung wichen König Albert und seine Prinzen auf dem Weg vom Pavillon der Stadt Leipzig, den er zusammen mit dem Oberbürgermeister Dr. Georgi besuchte, zur Kunsthalle vom Protokoll ab, um sich von Gustav Nietzschman im Pavillon einige Erklärungen geben zu lassen. [Leipziger Neue Nachrichten So. 25.04.1897]

Grundriss des Pavillons
Grundriss des Pavillons – Quelle Zeitungsausschnitt – wahrscheinlich Internationale Fleischer-Zeitung, Leipzig kurz vor Ausstellungsbeginn

Im mittleren Teil wurden Fleisch- und Wurstwaren durch Fleischermeister Gustav Nietzschmann  vor den Augen der Besucher fertig zum Verkauf hergestellt. Das waren z.B. Brühwürstchen aller Art, kalter Aufschnitt, Fleisch- und Ochsenmaulsalat. In einem vornehm und praktisch eingerichteten Verkaufsraum sowie Imbiss im rechten Flügel wurden die Speisen dann mit einem frischen Trunk Bier aus der Gohliser Aktienbrauerei (1/4 Liter 10 Pfg.) verabreicht.

Wilhelm und Otto Wommer stellten im linken Flügel des Pavillons Maschinen und Geräte für Fleischereien und Wurstfabrikation aus. Zu den Ausstellungsobjekten gehörten ein Wiegeapparat, eine Rotations-Fleisch-Schneidemaschine (Patent Wommer), eine Universal-Fleisch-Schneidemaschine u.v.m. Im Maschinenraum befanden sich ein Elektromotor, der als Betriebsmaschine diente, sowie eine Kühlmaschine, die mit einem Fleischkühlraum in Verbindung stand, was eine wesentliche Verbesserung der damaligen Fleischerei-Einrichtungen bedeutete.

Die Tänzerinnen einer zufällig gefundenen Jugendstilschale ähneln verblüffend der Darstellung auf dem Sockel
Die Tänzerinnen der Jugendstilschale ähneln verblüffend der Darstellung auf dem Sockel des Pavillons ( www.wise-unicorn.com )

Im Flügel “Wilh. Wommer” waren zusätzlich folgende Firmen als Mitaussteller vertreten [ Quelle: “Officieller Katalog” zur Ausstellung 1897 ]:

  • Neumann, Dr. G.S., Dresden, Aluminiumfabrikate
  • Wegelin & Hübner, Halle a. d. Saale, Kühlanlage
  • Scharvogel, J. J., Leipzig, Wand- und Fußboden – Plattenbelag, sowie Verkleidung von Ladentafeln
  • Beck & Co., Leipzig, Glasdecke
  • Kayer, Ferd., Leipzig, Beleuchtungskörper
  • Elektrizitätsgesellschaft Hansen (G.m.b.H.), Bogenlampen und Lichtanlagen
  • Schumanns Elektrizitätsgesellschaft, Elektromotor

Nach Ende der Ausstellung wurde der Pavillon abgebrochen, wie auch die meisten anderen Gebäude auf dem Ausstellungsgelände. Es wurden Schuttberge angelegt – die große und die kleine Warze. Als Kinder sind wir die Hügel hinunter gerodelt. Von der einstigen Vergangenheit wussten wir damals noch nichts…

2017 wurde der Pavillon erneut errichtet – als Modell im Maßstab 1:50. Mehr Informationen dazu hier

Eintrittskarten
Dauer-Karte der Ehefrauen Wilhelm jun. und Otto Wommer – Berta und Emilie

Die Gestaltung des Pavillons im Detail

Fassade – Außenwände

Die wirkt massiv – aber war es wirklich Stein? So ganz klar ist das noch nicht. wir wissen: Das Schwein war aus Carrara-Marmor war. Wo ist es geblieben? Fast alle Ausstellungsgebäude wurden in Leichtbau also Holz Gips und mit Drahtgewebe realisiert, denn nach Ende der Ausstellung war ja der Abriss geplant!!!

Unterhalb vom Dachstuhl sieht man angedeutete Nägel (Guttae – angelehnt an griechische Tempel). (Gutta=Tropfen) Möglicherweise nutzte Möbius die Verwendung von Guttae sogar für die Dachkonstruktion. Also nicht nur zur Dekoration.

Bogengestaltung bei Arkaden und Fenstern. Arkaden mit Segmentbögen, Fenster mit Rundbogen. Auch zum großen Teil mit waagerechten Stürzen unterhalb vom Dach

Die Schrift

Auffällig: die Schrift- und Namenszüge in einer nicht bekannten Schriftart. Serifen von streng locker mit Leichtigkeit röm. Tradition V und Zusammenschiebung von cH blieb beim Original. Serifen z.T. sehr übertrieben – wie lange Würste aussehend.

Die Stele

Die Stele mit dem Keiler wird von 3 jungen tanzenden Damen mit wehenden Kleidern umgarnt. Es steht die Frage im Raum: Wurde Paul Möbius von einer Jugendstilschale inspiriert, wovon ein Replikat zufälligim Internet gefunden haben.

Ein Schwein auf einer Stele: Kein Kaiser, König, Heerführer, Göttin oder Kreuz: Ein Schwein – ein Keiler! noch dazu mit Lorbeerkranz! Das widerspricht allem bisherigen. Es stell sich auch die Frage: Warum ist das Schwein und nicht das Lamm auf der Stele, zumal es das Zunftzeichen der Fleischer ist?

Weitere Gestaltungselemente für Fleischereimaschinen und Fleischverarbeitung: Auf den beiden rechteckigen Türmen der Seitenflügel Gabeln mit aufgespießten Würsten – daher vielleicht auch die Bezeichnung „Wurstpavillon“

Erkenntnisse aus den Quellen von Wolfersweiler

Im Nachlass eines Enkels von Otto Wommer stießen wir auf eine Zeitkapsel:  

Wir fanden eine Lithographie von Paul Möbius mit einem frühen Entwurf der Pavillon-Hauptansicht. Der Pavillon sah aus wie ein Zwischending von Zirkus und Mississippi-Dampfer. Wir fanden auch eine Zeitungsseite ( ….) mit einem späteren Entwurf der Hauptansicht! Auf dieser Zeitungsseite ist auch ein Grundriss abgebildet, aber leider nur in Briefmarkengröße. Deshalb ist die Schrift kaum zu entziffern. Fakt ist: Es gab mehrere Wirtschaftsräume, gerade noch lesbar: Garage, Garderobe … aber neue Fragen über unlesbare Beschriftungen warfen sich erneut auf

Hier bewahrheitet sich wieder der Spruch: „Je mehr man weiß, umso mehr weiß man, was man nicht weiß!“  

Erstentwurf vom Pavillon

Der Fabrikationsraum

..in der Mitte und die Wirtschaftsräume liegen ca. 50 cm tiefer (3 Stufen) als das Verkaufsareal, Ausstellung und Restaurant, was wohl auch als Kongressraum der Fleischerinnung diente. Anschussfragen: Wie war der mittlerer Raum in der Höhe aufgebaut? Gab es eine weitere Etage? War der Pavillon unterkellert?

Die innere Rückwand von Fabrikation u. Wirtschaftsräumen

..ist geradlinig – optimal für eine Transmissionswelle – die Antriebswelle für die Fleischverarbeitungsmaschinen. Es ist davon auszugehen, dass neben elektrischem Betrieb auch auf Gasmotor oder Dampfmaschinen gesetzt wurde, da wohl über Nacht der Strom abgestellt wurde. (Krieg erwähnte mal sowas)

Die Außenwand der Garderobe

..war bogenförmig. Der äußere Radius entspricht dem der Vorderfront. Einer der Ausstellungspläne zeigt aber eine gerade Außenwand hinten! Hier gab es wohl die meisten Fehler, da die Kontur doch stark zur Vereinfachung verleitet hat. Vielleicht gab es auch Änderungen bei den Grundrissentwürfen.

Es sind 2 Schornsteine bzw. Rauchabzüge zu sehen. Links unmittelbar daneben sind 2 kleine Kammern, möglicherweise Räucherkammern.

Die Türen

Schiebetüren? Schwenk-bzw. Klapptüren? – es ist nichts davon zu erkennen! Aber sicherlich waren diese vorgesehen gegen Ratten und Ungeziefer. Wanddicken und doppelte Wände im Grundriss deuten auf Schiebetüren hin – weil geteilten Wände vor allem im Durchgangbereich dargestellt sind.

Die Fenster

Sind die Fenster unterhalb der Ecktürme konvex? Und in der obersten Fensterreihe vorn gewölbt? Die Bilder sind nicht ganz eindeutig. (Dieses Fenster widerspricht dem Grundrissplan – also ist der uns vorliegende Grundrissplan nicht der allerletzte Stand!)

Das Dach

Eine weitere wichtige Erkenntnis ergab sich aus der “1. Beilage zum Leipziger Tageblatt und Anzeiger, Nr. 210” in dem von einem blutrothen Dach.” … die Rede war! Es sind keine Dachschindeln in der Struktur erkennbar. Es wurde wohl Dachpappe (eine Erfindung von 18..) verwendet, nach Verlegung angestrichen incl. Dekor.

Erkenntnisse aus den “Wiener Caricaturen”

Wir haben 2021 ein Bild mit einer uns unbekannten Ansicht vom linken Seitenflügel ermittelt. Die Bildqualität ist leider schlecht. Dieser Fund – eine Werbung in der etwas frivolen Zeitschrift “Wiener Caricaturen” gibt Aufschluss, dass tatsächlich auch auf der ominösen Rückseite vermutetes Türmchen vorhanden war. Doch auch weitere bauliche Eigenschaften ließen sich daraus ableiten

26.09. wiener caricaturen 1897 nr.39
Seitenansicht des Pavillons
Seitenansicht des Pavillons – die sonst in keinen Quellen aufgeführt ist

Ein Flachbau und ein kleiner Anbau

..sind erkennbar! Das ließ sich aus den bisher bekannten Bildern und Ausstellungsplänen Plänen nicht erschließen. Der eigentliche Pavillon war also relativ schmal in Nord-Süd-Ausdehnung und war aus dieser Ansicht unsymmetrisch! Auf dem Grundrissplan sind dicht an der Rückseite Bäume zu sehen und bei der Planung wohlüberlegt von Paul Möbius einbezogen worden – Äste über dem Pavillondach der Rückseite weisen auf einen flachen, niedrigen Gebäudeteil mit Flachdach hin.

Anordnung am Baukörper

Die Entwürfe enthalten Maßangaben bezüglich Höhen und waagerechte Maße

Ermittelte Abmessungen laut Entwürfen

-max. Breite: ca. 34 M     

-max. Höhe bis Fahnenmast: ca. …15?M

-Bogenhöhe: ca. ???

Der Pavillon war in der Hauptansicht weitestgehend symmetrisch. Spiegelachse ist sozusagen der verlängerte Fahnenmast. Die Eingänge der Seitenflügel stehen dazu im Winkel von 90 Grad!

Beitrag zum Modell des Pavillon: Der Ausstellungspavillon als Modell >>

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