Wilhem Wommer – Biogramm

Wilhelm wurde als viertes Kind der in Hirstein lebenden Familie Johann Wilhelm Wommer (1809-1850, aus Wolfersweiler stammend) und seiner Frau Catherine Louise Carolina Friedericke Loch (1807-1870, aus Nohfelden stammend) geboren. Wilhelms Vater wurde 1831 von der oldenburgischen Regierung in Hirstein, das nur wenige Kilometer von Wolfersweiler entfernt liegt, als erster evangelischer Elementar-Lehrer in dem kleinen Ort eingestellt [Quelle: Schulchronik Hirstein]. Im Mai 1836 heirateten Wilhelms Eltern evangelisch. Wilhelm wuchs mit seiner älteren Schwester Wilhemine (*1838-?) und seinen 3 jüngeren Brüdern Karl (*1843-1903), Friedrich (*1844-1910?) und Ludwig (1847-1892) in der kleinen Gemeindeschule Hirsteins, die gleichzeitig auch als Elternhaus diente, auf. Seine zwei weiteren älteren Geschwister Wilhelm (1839) und Karoline (1837) verstarben bereits vor seiner Geburt in ihren ersten Lebensmonaten – damals leider nicht unübliches.

Das ehemalige Hirsteiner Schultürmchen
Türmchen des Schul-/Elternhaus Wilhems

Doch Wilhelms Kindheit nahm mit dem frühen Tod seines Vaters Johann Wilhelm Wommer, der nach längerer Krankheit im Mai 1850 im noch jungen Alter von 41 Jahren verstarb, eine tragische Wende: Wilhelms Mutter war plötzlich mit fünf noch minderjährigen Kindern auf sich Allein gestellt. Halt gab sicherlich zu dieser schweren Zeit die Familie Jacob Wommer in Wolfersweiler, die ebenfalls aus einer Heirat in die Familie Loch hervorging. Ein Indiz dafür ist, dass Wilhelms Geschwister Wilhemine und Friedrich beim entfernt verwandten Onkel Jacob Wommer in Wolfersweiler im Laden in die Lehre gingen, wie aus einem Brief von Wilhemine hervorgeht. Dies trifft vielleicht auch Wilhelms Bruder Karl Wommer, der als bereits 1872 als Postargent in Nohfelden arbeitete, zu: Denn bis 1887 befand sich die Posthaltestelle in Wolfersweiler im Hause des Gastwirts Wommer [Nr. 52 29.12.1886, Ziffer 25 – Seite 900 25. (Bekanntmachung.)]. Später unterhielt Karl ebenfalls eine Wirtschaft in Nohfelden.

Während drei seiner Geschwister in Wolfersweiler ihr Glück suchten, fing Wilhelm (vielleicht gemeinsam mit seinem Bruder Ludwig, der später ebenfalls Erfinder und Tüftler in den USA lebte), in Hirstein an sich für die Schmiedekunst zu interessieren. Es ist gut möglich, dass die Brüder damals den Schmiedehammer das erste mal bei Meister Kunz, der die prägnante Turmspitze des Schulgebäudes und Elternhauses kreierte, gemeinsam geschwungen haben.

Am 17. Februar 1858 im Alter von 17 Jahren erhielt Wilhelm sein Birkenfelder Wanderbuch, von dem uns eine Abschrift vorliegt. Darin wurde vermerkt, dass er sich auf eine 2 jährige Wanderschaft als Schmiedegeselle begibt, die mit seinem Militärdienst im August 1860 enden sollte. In dem Wanderbuch sind seine Körpermerkmale und Stationen seiner Wanderschaft genau dokumentiert. Jedoch beginnen die Aufzeichnungen seiner Wanderschaft kurioser Weise erst 3 Jahre nach dem Wilhelm das Wanderbuch erhalten hatte. Seine Wanderschaft erstreckte sich über folgende Stationen.

  • nach Duttweiler, am 28. März 1861
  • nach Hause Nohfelden zurück – Buch verlängert auf 3 Jahre
  • nach Mainz
  • nach Offenbach am Main, 18. Mai 1861
  • nach Karlsruhe, 20. Mai 1861
  • nach Lahr, 23 Mai 1861
  • nach Bacheb??, 25. Mai 1861
  • nach Basel
  • nach Freiburg, 8. Juli 1861
  • nach Deich???, 9. Juli 1861
  • nach Lindau
  • nach Schwyz, 19. Juli 1861
  • nach Friedrichshafen
  • nach Herisau, 5. August 1861
  • nach Ulm
  • nach Ravensburg, 8. August 1861
  • nach Mengen
  • nach Biberach, 29. September 1861
  • nach München, 9. Oktober 1862
  • nach Plauen, Okt. bis Nov. 1862 bei Schmiedemeister Matthes
  • nach Halle
  • nach Meißen, 15.12.1862
  • nach Leipzig, 2. Juni 1863 – hier Arbeitsbuch erhalten
  • in die Heimat Hirstein, wohin der Inhaber mit seiner Familie reist, 9. Juli 1866

Dass die Wanderschaft damals kein einfacher Spaziergang war, zeigt ein Brief seiner Schwester Wilhemine, damals Lehrerin in Lahr, an Wilhelm im Jahr 1863: Darin schildert sie ihre schlimmen Träume und gibt ihrer Besorgnis über Wilhelms Wanderschaft kund. Bemerkenswert ist auch ihre zu tiefst religiöse Prägung, die in diesem Brief recht deutlich wird. Zudem geht wohl auf Wilhemine der spätere Firmenname zurück: In ihren Brief schwebt ihr die Vision der „Gebrüder Wommer“ – mit Ludwig und Wilhelm – als Firma vor! Doch dies realisierten erst 35 Jahre später Wilhelms Söhne.

Gebrüder Wommer - Ersterwähnung 1863
Idee für die „Gebrüder Wommer“ ist geboren

Wilhelms Wanderschaft endet in Leipzig, wo er bei „Götz und Nestmann“ Arbeit findet und sein Arbeitsbuch erhält.

Die Abschrift von Wilhelms Arbeitsbuch:

  • Leipzig 21.12.1862 – 7. Mai 1863 Goetz und Nestmann (Kesselschmiede und Maschinenfabrik)
  • ab 7. Mai 1863 – 11. November 1865 Rud. Sack, Lpz. (Landwirtschaftl. Maschinenfabrik)
  • ab 20. November 1865 – 30. Juni 1866 Waage u. Schrart Lpz.??? Anger

Weiter ist auf der Abschrift von Wilhelms Arbeitsbuch vermerkt: „Bei Untersuchung der Militärdienstpflichtigen der Jahresklasse 1840/41 wegen Schwerhörigkeit dienstunfähig erklärt worden. Birkenfeld, 4. Januar 1870. Herzöglich Oldenburgische Regierung“

Maria Becker (1845-1915)

Während der Arbeitszeit bei Rud. Sack lernte wohl Wilhelm seine zukünftige Frau Maria Becker am Leipziger Anger an der Pferdewechselstelle kennen. Im November 1864 kam ihr erster Sohn Friedrich Wilhelm Gustav Wommer unehelich zur Welt. Erst rund ein halbes Jahr später – am 23.05.1865 heirateten die Beiden evangelisch.

Trauschein der Thomaskirche

Eine weitere Notiz gibt Auskunft über seine kurze Episode in Duttweiler: 1866 wurde Wilhelm laut Attest des Knappschaftsarztes Theich am 8. Oktober 1866 als zur Grubenarbeit tauglich befunden und demzufolge am 9. Oktober 1866 zum ersten male als Bergmann zum Steinkohleabbau angefahren. Im August 1867 tritt Wilhelm aus dem Leipziger Vorschuß-Verein aus, aus dem später die Leipziger Creditbank eG und später die Leipziger Volksbank entstand. Ein Indiz dafür, dass er zunächst für mehrere Jahre in Duttweiler plante. In der Grube arbeiteten damals ca. 3000 Mann [Zeitschrift für das Berg-, Hütten- und Salinenwesen im preussischen StaateBand 12 – 1864 Seite 315]. Gezeichnet wurde dieser Beleg unter „Grube Duttweiler, 19.10.66 – der Revierbeamte„. Weiter enthalten ist die Information, dass er nach (…) Nov. 21 (…) als Schlepper (Schmiedegeselle) bis 18. Nov. 1869 als Obergeselle arbeitete und dann freiwillig ausgeschieden ist. Während den 3 Jahren in Duttweiler kamen zwei weitere Kinder – Marie und Otto – zur Welt. Ob dieser plötzliche Einsatz als Grubenarbeiter in Duttweiler ein Militärersatzdienst war, muss noch untersucht werden, denn nach dem freiwilligen Ausscheiden ging es direkt zurück nach Leipzig, wo Wilhelm nach kurzer Zeit seine Firma Wilh. Wommer in der kleinen Gasse 8 gleich am Reichel’s Garten gründete.

Im Januar 1873 erhielt Wilhelm das Bürgerrecht der Stadt Leipzig, wie das Leipziger Tageblatt am 5. Februar belegt. Das war damals als „Ausländer“ keine Selbstverständlichkeit. Seine evangelische Taufe, sein wachsendes Geschäftsfeld und die Heirat mit einer gebürtigen Leipzigerin waren sicherlich hilfreich dabei. Erst damit konnte er seine Firma etablieren und einer ständigen Tätigkeit nachkommen. Ende der 70er geriet Wilhelm wohl zunächst finanziell wie auch mit dem Gesetz in Konflikt und wurde wegen „Hinterziehung der Hülfsvollstreckung“ angeklagt. Bei der Landesgerichtsverhandlung am 12.07.1880 wurde er aber freigesprochen und damit seine Reputation wieder hergestellt [Leipziger Tageblatt – 13.07.1880]. Zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits 7 Kinder – darunter auch unserer (Ur)großvater, Alexander Wommer. Es folgten noch 5 weitere Kinder von denen aber 2 früh verstorben sind. Wilhelms wachsender Familie lebte an diversen Orten in Leipzig:

  • kleine Gasse 3 III / Seitenstr. 3 I (später 4?)
  • ab 1883: Berliner Str. 119 Hintergebäude II; Firma: Gerberstr. 38, Seitengebäude, pt. rechts
  • ab 1885: Berliner Str. 2, Hintergebäude II
  • ab 1887: Uferstr. 10, IV
  • ab 1890: Kantstr. Cat-Nr. 330

In diesen Jahren machte Wilhelm auf einer Vielzahl von Deutschlandweiten Ausstellungen auf seine Maschinen aufmerksam und erwarb Auszeichnungen und Anerkennung für seine Konstruktionen. Auch viele seiner zahlreichen Kinder erwarben in der väterlichen Werkstatt Kenntnisse und Fähigkeiten und gingen dort später sogar in die Lehre. So Unterstützen ihn seine älteren Kinder durch Beschaffung von Rohmaterialien gusseiserner Maschinenteile aus der Gießerei von „Götz & Nestmann“ und „Becker & Co, Leutzsch“ mit einem zweirädrigen eisernen Handwagen unter Vorspann des Zughundes „Lord“. Durch Einkassieren der von Wilhelm angefertigten „Monatsrechnungen“ bei Kunden in Stadt und Land verschafften sich seine Kinder Kunden- und Ortskenntnisse. Trotz gut ausgestatteten Haus war „Bruder Schmalhans“ Küchenmeister in Wilhelms Haus, wie aus der Chronik von Karl Wommer hervorgeht. Dennoch achtete Wilhelm auch auf eine gute Ausbildung seiner Kinder, von denen viele an der Maschinenbauschule der städtischen Gewerbeschule zu Leipzig auch theoretischen Kenntnisse erwarben.

Auszeichnungen für Wilh. Wommer
Auszeichnungen für Wilh. Wommer

Im Sommer 1892 geriet Wilhelm in Konflikt mit der Stadtverwaltung, die plötzlich als Konkurrent mit einem eigenen Fleischwiegeapparat das Nebengewerbe von Wilhelm hart traf, den er Fleischermeistern zur Verfügung stellte. In einer Zeitungszuschrift machte sich Wilhelm Luft darüber. Es sollte einer seiner letzten Kämpfe werden:

General-Anzeiger für Leipzig und Umgebung 22.07.1892
General-Anzeiger für Leipzig und Umgebung 22.07.1892, Nr 200

Am 22. April 1893 erlitt Wilhelm einen Hirnschlag, wobei die Heilung zunächst normal zu laufen schien. Jedoch war er linksseitig gelähmt. 8 Tage später folgte der zweite Hirnschlag, wie Wilhelm Jun. in einem Brief an seinen Bruder Otto ausführt. Zudem schrieb er, dass der Vater bereits seit längerer Zeit an einem Schwächezustand des Kopfes litt, was er seinen Söhnen gegenüber zuvor nicht eingestehen wollte. Manches wurde nicht erledigt oder wurde falsch gemacht, was die Sache für seinen Sohn Wilhelm Jun. nicht leichter machte, als er die Firma mit der Generalvollmacht übernahm. Zudem fehle es an liquiden Mitteln, um alle Aufträge weiter bearbeiten zu können. Ideal wären um die 3000 Mark mit einem Moratorium schreibt Wilhelm Jun. an seinen Bruder Otto, der dann einige Monate später diesen Betrag besorgen konnte und damit in die Firma als Teilhaber einstieg. Zu diesem Zeitpunkt war der Vater schon verstorben. Am 6. Mai stirbt Wilhelm Sen. an den Folgen der Hirnschläge im 53. Lebensjahr und wird am 9. Mai 1893 auf dem Neuen Johannis-Friedhof beerdigt.

Todesanzeige
Todesanzeige
Karteikarte Neuer Joh.-Friedhof Leipzig
Karteikarte Neuer Joh.-Friedhof Leipzig
Die Stelle des ehemaligen Grabes im jetzigen Friedenspark

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