Marie Vogel-Wommer – Werkstatt und Lehranstalt für zeitgemäße Frauenkleidung und verwandte Arbeiten

Im Gegensatz zu ihren Brüdern entwickelte Marie-Vogel Wommer ein starkes Faible für modernes Schneiderhandwerk. So gründete sie im Jahr 1885 in Leipzig eine Werkstatt und Lehranstalt für zeitgemäße Frauenkleidung. Im Sinne der aufkommenden Frauenbewegung fertigte Marie Kleider an, die nicht nur gefällig aussahen sondern auch praktisch waren und eine harmonische Einheit mit ihren Trägerinnen bildeten. Beste technische Verarbeitung kombiniert mit einem vorzüglichen Schnitt sowie ein guter Formen- und Farbsinn unter Berücksichtigung des Körperbaus verhalfen ihr einzigartige Kleider, die auf die jeweilige Trägerin abgestimmt waren, zu erschaffen. Ihre Schöpfungen wurden durch Schmuck, Stickerei, Batik, Schablonenmalerei und Perlenarbeiten, je nach Art des Stoffes und des Anlasses abgerundet. Durch die hohe Qualität ihrer Arbeiten hatte sie sich im Laufe der Jahre einen Kundinnenkreis erarbeitet der über Deutschland, Schweiz und Österreich-Ungarn, Neapel bis nach Konstantinopel reichte. Prämiiert wurde ihr Werk in Leipzig 1900, in Hamburg 1908 sowie in Wien 1910. Kurz nach der Jahrhundertwende fiel ihr Entschluss von Leipzig nach München zu ziehen und ihr Business dort weiter zu professionalisieren. Zunächst richtet sie ihre Lehranstalt in der Oettungenstraße 32/1 ein. 1910 zieht es sie weiter zum Wittelsbacher Platz 2 (Eingang Finkenstr.)

Neben der Werkstatt betrieb Marie Vogel-Wommer eine Lehranstalt in der junge Damen für ihren eigenen Bedarf oder Beruf ausgebildet wurden. Das von ihr vermittelte Verfahren bestand aus der Kombination einfacher Berechnungen und harmonischer Teilung der Flächen, so dass die Zuverlässigkeit des Schnittes immer gewährleistet war. Schönheit und Zweckmäßigkeit mit Materialechtheit zu verbinden, Berücksichtigung anatomischer Kenntnisse wie auch beste sachgemäße Verarbeitung waren weitere Lernziele.

Marie Vogel Wommer - Monogramm

Neben den Kursen für Damenschneiderei leitete Marie einen kunstgewerblichen Kurs, in dem Entwerfen und Zeichnen von Stickereien, Batik, Schablonieren u. a. m. gelehrt wurden. Die Arbeiten – wie z.B. besonders Batik – konnten in der Werkstatt und Lehranstalt von Anfang an bis zur Fertigstellung (Vorarbeiten, Wachsen, Färben, Reinigen usw.) selbst ausgeführt werden. Damals ein Vorteil, der in wenigen Schulen geboten wurde.

Der Kurs bestand im Jahr 1910 aus 4 Einheiten:

  • Kurs I – Schnittzeichnen für eigenen Bedarf (Dauer fünf Wochen. Preis Mark 6o.-)
  • Kurs II – Schnittzeichenkurs für Direktricen und Schneiderinnen (Dauer zehn Wochen. Preis Mark 120.-)
  • Kurs III – Nähkurs (Dauer beliebig. Monatlich Mark 25.-; Halbtägig Mark 15.-)
  • Kurs IV – Kunstgewerblicher Kurs (Dauer beliebig. 1. Monat 6o M. 2. Monat 40 M. 3. Monat 30 M.)

Unterrichtsstunden waren vormittags von 9-12 Uhr und 2-5 Uhr nachmittags an allen Wochentagen außer Samstag!

Marie Vogel-Wommer (rechts) mit ihrer Schwester Martha
Marie Vogel-Wommer (rechts) mit ihrer Schwester Martha

Marie Vogel-Wommer – Ein Biogramm

Marie Vogel-Wommer (5 Jan. 1867 – 7 Jun. 1926) wurde im saarländischen Dudweiler geboren. Sie ist nach Wilhelm jun. die erste Tochter von Wilhelm und Maria Wommer (geb. Becker). Kurz nach der Geburt ihres jüngeren Bruders Otto zog die Familie wieder zurück in die Geburtsstadt der Mutter – nach Leipzig, wo sie mit ihren vielen Geschwistern aufwuchs. Ende April – wenige Tage vor dem Tod ihres Vaters – heiratete sie den Versicherungsbeamten Ernst Albert Vogel in der Leipziger Thomaskirche. Als Nachnamen führte sie fortan den Doppelnamen „Vogel-Wommer“, was damals noch recht ungewöhnlich war.

Kurz nach der Jahrhundertwende wohnte sie getrennt von ihrem Mann in der Turnerstr. in Leipzig. Es fiel ihr Entschluss nach München zu ziehen und ihr Business Werkstatt und Lehranstalt für zeitgemäße Frauenkleidung weiter zu professionalisieren. Spannender Weise fanden die Noch-Ehepartner einige Jahre später in München wieder zusammen, wo neben der Liebe ihre Lehranstalt weiter aufblühte.

1914 zieht es sie zurück nach Sachsen und lässt sich in der Dresdner Gartenstadt Hellerau (Hendrich-Str. 27) nieder – ob der Anlass ihre Scheidung war, lässt sich nicht mehr ermitteln. Ein markantes Relikt aus dieser Zeit des Übergangs sind die vielen Sammelmarken mit dem Überdruck ‚Gartenstadt Hellerau‘, die immer mal wieder auf Ebay auftauchen.

1916 lebt sie wieder in Leipzig Querstr. 22. Nach dem Krieg führte sie ihre Arbeit in der Gottschedstr. 10 fort. Ab 1920 verliert sich ihre Spur bzw. wird ihr weiterer Lebensweg nebulös. Bekannt ist dass sie den Kunstmaler Alfons Gebel heiratete. Jedoch verweisen Quellen im Internet auf den Tod des Malers um 1920 – der auch nicht in Leipzig ansässig war. Für die folgenden Jahre gibt es keine weiteren Quellen. Ihre letzte Wohnung war wohl in der Hardenbergstr. 48, wobei sie nicht im offiziellen Adressbuch geführt wurde (Quelle muss noch wieder-entdeckt werden). Am 7.6.1926 stirbt Marie im 60sten Lebensjahr. Sie wurde eingeäschert und kommt in das gemeinsame Grab mit ihrem Bruder Georg Wommer auf dem Leipziger Südfriedhof, in das auch meine Urgroßeltern folgen sollten.

Exlibris J. Nitsche – Marie Vogel-Wommer

FRAUENKLEIDUNG UND FRAUENBEWEGUNG – Ein Artikel von Marie Vogel-Wommer in »Neue Frauenkleidung und Frauenkultur«

FRAUENKLEIDUNG UND FRAUENBEWEGUNG

Vielleicht ist dieser Zusammenhang deshalb bisher nur wenig erörtert worden, weil man ohnehin schon häufig genug behauptet, dass sich die Reformkleidung eben nur für die „Emanzpierten“ unter uns eigne. Aber heute sind wohl selbst die Konservativsten unter uns Frauen bereits soweit von der Frauenbewegung mit fortgerissen, um zu erkennen, dass sie uns neue sittliche Ideale gebracht hat, eine Erhöhung der Gemeinschaft zwischen Mann und Weib und somit eine Erhöhung des menschlichen Seins im ganzen. Und ist es weiterhin Tatsache, dass mit dem Emporblühen der Industrie, der schnellen und billigen Tätigkeit der Maschine ein wesentlicher Teil der Hausfrauentätigkeit aus unserer Großmütter Tagen in Wegfall gekommen ist und dass die Frau nun dort, wo produktive Arbeit nicht mehr von ihr verlangt wurde, vielfach nichts anderes mehr blieb, als das notwendige Mittel für die Fortpflanzung und vielleicht nebenher ein Luxusgegenstand des Mannes, so darf wohl doch heute von allen denkenden und denkfähigen Frauen behauptet werden, dass sie ausnahmslos an dem Wiedererwachen zur geistigen Selbständigkeit mehr oder weniger regen
Anteil nehmen.


Dies vorausgeschickt, muss es verwundern, dass sich das Streben nach einer freien Entfaltung der Persönlichkeit nicht auch auf einem Gebiete kennzeichnet, das doch am ehesten schon nach außenhin das Wesen des Menschen in Erscheinung treten lässt, auf dem Gebiete der Kleidung, um so mehr, weil ja gerade die Kleidung der Frau dem Wechsel unterworfen ist wie keine andere unter all den mannigfachen Ausdrucksformen unserer Ansichten von Zweckmäßigkeit und Schönheit.


Ich will hier nicht untersuchen, ob es vorläufig nur noch den meisten Frauen an Mut fehlt, etwas als gut und schön Erkanntes auch durchzusetzen ungeachtet etwaiger scheinbarer Schwierigkeiten – die sich bei näherer Betrachtung übrigens gar nicht mehr als Schwierigkeiten darstellen würden – oder aber, ob in den Fragen unserer Kleidung weder hygienische, noch ästhetische, noch ethische Momente imstande sind, das Modedogma der allmächtigen Pariser Schneider zu beseitigen. Jedoch darauf möchte im nachdrücklichst hinweisen, dass die von dem Geiste der neuen Zeit und ihrer Kultur berührte Frau es für unter ihrer Würde halten sollte, die Bestrebungen um ein zeitgemäße Kleidung zu ignorieren.


Oder ist es nicht unwürdig, durch das Korsett den Busen und die Hüften künstlich umfangreicher erscheinen zu lassen, indem dem Körper eine von Natur aus nicht vorhandene enge »Taille« eingeschnürt wird? Ist es nicht weiter ein betrübendes und empörendes Zeichen allzu niedriger Selbsteinschätzung oder mangelnder Überlegung, wenn Frauen viel zu kleine Schuhe tragen? Im denke nicht im entferntesten daran, etwa gar einen plump umfangreichen Fuß und eine abnorm große Hand als zum Ideal weiblicher Grazie gehörig zu bezeichnen. Aber es ist sicher ein Mangel an menschlicher Würde, wenn eine Dame fort und fort darunter zu leiden hat, dass sie der Schuh drückt oder gar, wenn der Fuß sich bereits abnorm kleinen, spitzen Stiefeln angepasst hat. Wann wird es endlich allgemein anerkannt sein, dass es völlige Kulturlosigkeit verrät, wenn Frauen ihre Handschuhe »eine Nummer kleiner« einkaufen, um ihre Hand zierlicher erscheinen zu lassen, um zu zeigen, dass die Hand nicht zum Greifen und zum Schaffen, sondern nur als überflüssiger Zierat des weiblichen Körpers da sei?

Dass der Körper des Weibes schön ist, wenn er gesund und zweckmäßig ist, dies ohne falsche Scham auch äußerlich zu bekunden, ist alles, was die Kleiderreformler erstreben. Wird der Mann nicht ohne äußerliche Einwirkungen zu einem formlosen Klumpen, dann brauchen wir Frauen derartiges ebensowenig zu fürchten. Nicht um eine Kleider- und Modefrage handelt sichs nur. Nein! Um eine Forderung vielmehr von höchster ethischer und ästhetischer Bedeutung. Mit dem Fortschreiten einer gesunden Frauenbewegung werden Bestrebungen um eine vernünftige Kleidung Hand in Hand gehen.

Vorstehendes ist eine Umarbeitung meines Artikels in der Zeitschrift »Neue Frauenkleidung und Frauenkultur« Jahrg. 1909. Marie Vogel-Wommer.

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